Syna-Kongress vom 4. Mai 2002 in Freiburg
Mit den herkömmlichen Strukturen in der Arbeitswelt lassen sich die anstehenden Herausforderungen nicht bewältigen. Notwendig sind neue Formen der Arbeitsorganisation, flexiblere, kürzere und differenziertere Arbeitszeiten und neue Ansätze in der Arbeitsmarktpolitik. Wenn Unternehmen sich im internationalen Wettbewerb behaupten wollen, gilt es, das Wissens- und Motivationspotenzial der Mitarbeitenden optimaler zu nutzen und ihre Organisationsstrukturen gründlich zu ändern. Stückweise Änderungen einzelner Elemente der Arbeitsorganisation genügen nach Ansicht der Syna nicht.
Sechs Schwerpunkte für eine Arbeitswelt mit Zukunft
Wie kann - und muss - sich Frust am Arbeitsplatz in ein lustvolles Arbeiten verwandeln? Mit dieser Frage befassten sich die rund 500 Delegierten am Kongress im «Forum Fribourg». In der Kongressdokumentation wurden aufgrund praxisnaher Standortbestimmungen folgende Themen definiert:
- Kapital und Arbeit
- Arbeitsmarkt und Ausländerpolitik
- Lohnpolitik
- Arbeitszeitpolitik
- Aus- und Weiterbildung
- Sozialpartnerschaft
Arbeitnehmende im Spannungsfeld
Unter dem Schwerpunkttitel «Kapital und Arbeit» wurde ein weiteres Spannungsfeld aufgezeigt, in dem sich die Arbeitnehmenden in jüngster Zeit immer stärker ausgesetzt sehen: Es betrifft die Interessen der AktionärInnen (Shareholder Value) und jene, die einer seriösen und ganzheitlichen Unternehmensstrategie (Stakeholder) zugrunde liegen. Dieses Spannungsfeld sollte durch die Einführung eines griffigen Mitbestimmungsrechtes seitens der Arbeitnehmenden eingedämmt werden. Da der Souverän 1976 die von den Gewerkschaften lancierte Mitbestimmungsinitiative bachab geschickte hatte, schlugen die Folgen von Firmen-Pleiten und -Uebernahmen und die damit verbundenen Massenentlassungen für die Betroffenen in voller Härte durch. Denn der ganzheitlich denkende Patron von einst, der die Zügel zum Wohl des gesamten Unternehmens führte, scheint in der Wirtschaft nicht mehr gefragt. An seine Stelle sind kühle Financiers und Manager getreten, die vor allem ihre eigenen und die Interessen der AktionärInnen im Kopf haben.
Syna setzt weiterhin auf die Sozialpartnerschaft und nimmt die Idee der Mitbestimmung der Arbeitnehmenden wieder auf, indem sie deren Realisierung initiiert. Dabei müssen Lösungen nicht nur auf nationalstaatlicher Ebene, sondern auch für Unternehmen, die global operieren, gefunden werden. Syna wird auch neue Wege gehen, um die Mitbestimmung in Betrieben aufzugreifen und die Möglichkeiten durch Anteile wie «Stock Options» usw. einzuführen. Neben gesetzlich verankerten Grundlöhnen sollen Mitverantwortung der Arbeitnehmenden, Motivation und die Lust, an Entscheidungsprozessen des Unternehmens mitzuwirken, gefördert werden.
Gegen Lohndumping
Unter dem Titel «Arbeitsmarkt und Ausländerpolitik zugunsten eines attraktiven Arbeitsmarktes Schweiz» packt Syna ein heisses Eisen an: Dabei kommen auch die Lohnpolitik und Schwarzarbeit zur Sprache. Im Jahr 2001 wurde in der Schweiz Schwarzarbeit im Umfang von rund 37 Milliarden Franken geleistet. Dies entspricht rund 9.3 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP). (Diese Berechnung basieren auf einer von Prof. F. Schneider von der Universität Linz erstellten Studie.)
Deshalb läutet die Gewerkschaft Syna am Kongress vom 4. Mai 2002 die Alarmglocken: Sie fordert die EntscheidungsträgerInnen in Politik und Wirtschaft dazu auf, aktiv darauf hinzuwirken, dass der Wirtschafts- und Arbeitsplatz Schweiz durch griffige Massnahmen vor einer Destabilisierung bewahrt wird. Syna fordert vor allem auch die Behörden und Ämter dazu auf, Sozial- und Lohndumping zum Schutz aller in der Schweiz beschäftigten Arbeitnehmenden mit denen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln konsequent einzudämmen und sich für solide, zukunftsorientierte Arbeitsplätze einzusetzen.
Syna fordert, dass die Koexistenz von Menschen verschiedener Kulturkreise durch die Ausländerpolitik gefördert wird. Um gegen Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus zu kämpfen, ist die Integration ein entscheidender Faktor. Die gleichen Überlegungen gelten auch bezüglich Arbeitsbedingungen. Ungleiche Behandlung und Dumping fördern in diesem Bereich die Intoleranz und Ablehnung der Anderen.
Die Frage der sans-papiers hat für neue politische Aufregungen gesorgt. Gefordert sind dringende Vorschriften, um die illegale Einwanderung zu bekämpfen. Dabei sollte man die Hauptverantwortung nicht bei den Arbeitnehmenden suchen, um sie zu bestrafen, sondern man muss gleichzeitig die Rolle der Arbeitgebenden in Betracht ziehen, die solche illegalen Zustände überhaupt ermöglichen.
Neue Arbeitszeitmodelle
Neue Arbeitszeitmodelle bestehen. Aber sie sind zu einseitig zugunsten der Arbeitgeberseite ausgerichtet. Das darf nicht sein. Denn wenn es den Unternehmensleitungen gelingt, Modelle zu entwerfen, dass es für beide Seiten stimmt, profitieren auch beide: Die Mitarbeitenden sind motiviert, bringen sich laufend auf den neusten Bildungsstand und können ihr Leben freier gestalten.
Deshalb setzt sich Syna dafür ein, dass vermehrt Teilzeitstellen geschaffen werden, um dem Rollenverständnis von Frau und Mann besser Rechnung zu tragen. Dieses Anliegen muss auch in den Gesamtarbeitsverträgen durchgesetzt werden. Syna setzt sich für die Verbesserungen im Bereich der Arbeitszeitgestaltung, Entlöhnung, Aus- und Weiterbildung sowie der Karrieremöglichkeiten ein. Die Förderung von Teilzeitstellen muss einhergehen mit der Absicherung der Sozialleistungen auf dem vertraglichen und/oder gesetzlichen Weg. Ausserdem ist sie gegen Teilzeitarbeit auf Abruf, ohne feste garantierte Arbeitszeit, Lohnfortzahlung und soziale Absicherung.
Syna setzt auf gesamtarbeitsvertraglicher und, wenn notwendig, auf gesetzlicher Ebene die Einführung der Jahresarbeitszeit von 2080 Stunden für alle Arbeitnehmenden durch.
Darüber hinaus strebt Syna in Branchen und Betrieben, die die Jahresstunden von 2080 erreicht haben, weitergehende Arbeitszeitverkürzungen an, die sich am Produktionsfortschritt und den Bedürfnissen der Arbeitnehmenden orientieren. Je nach Branche oder Betrieb sollten verschiedene Formen der Verkürzung möglich sein: längere Ferien, kürzere Jahres- oder Lebensarbeitszeit, 4-Tage-Woche, Sabbatical etc.
Überstundenleistungen sind, soweit möglich, durch die Beschäftigung zusätzlicher Arbeitnehmender zu vermeiden. Syna beschränkt auf gesamtarbeitsvertraglicher und, wenn notwendig, auf gesetzlicher Ebene die maximalen Mehrstunden (Überstunden und Überzeit) auf 170 Stunden. Die maximale Jahresarbeitszeit beträgt somit 2080 + 170 = 2250 Stunden.
Kongressdokument 2002