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Forderungen mit Augenmass

Arno Kerst: «Unter keinen Umständen akzeptiert Syna bedingungslose Nullrunden.»

Medienkonferenz zur Lohnrunde
Bern, 3. August 2009

Nach fast fünf Jahren Hochkonjunktur, während denen die Löhne nur ungenügend gestiegen sind, finden die diesjährigen Lohnverhandlungen in einem gänzlich anderen wirtschaftlichen Umfeld statt. Die Allbranchengewerkschaft Syna betrachtet die Wirtschaftskrise differenziert und sieht in einzelnen Branchen bzw. Firmen Spielraum für Lohnanpassungen von bis zu zwei Prozent. Bedingungslose Nullrunden sind für Syna nicht akzeptabel. Vielmehr müssen verbindliche Vereinbarungen über Arbeitsplatzgarantien und / oder vorsorgliche Sozialpläne abgeschlossen werden.

 

Die Schweizer Wirtschaft schrieb über die letzten fünf Jahre immer neue Umsatz- und Gewinnrekorde. Die Arbeitnehmenden ermöglichten diese Entwicklung dank ihrem hohen Einsatz. Diese Anstrengungen wurden schlecht belohnt: Der Schweizerische Lohnindex stieg in der Zeit von 2004 bis 2008 real total um mickrige 0.5 Prozent1. Erfolgreicher waren die Verhandlungen der Gewerkschaften. Im gleichen Zeitraum stiegen die Löhne der grösseren Gesamtarbeitsverträge verdientermassen um real 2.5 Prozent. Die Lohnverhandlungen für 2009 sind die erfolgreichsten seit langem. Dank der voraussichtlich negativen Jahresteuerung von minus 0.5 Prozent steigen im Schnitt die Löhne real um plus 3.1 Prozent. Aber auch diese Lohnsteigerungen sind, angesichts des Wirtschaftswachstums im gleichen Zeitraum2, ungenügend.

Die Rezession trifft die Arbeitnehmenden

Die Gier, welche erst die Immobilienkrisen und dann die globale Finanzkrise ausgelöst hat, ist schuld an der weltweiten Wirtschaftskrise. Leidtragende dieser Entwicklung, die auch die Grenzen eines zügellosen Kapitalismus aufzeigt, sind die Arbeitnehmenden. Viele Beschäftigte bangen um ihren Arbeitsplatz. Die Arbeitslosigkeit wird, nach dem viel zu hohen Tiefststand von 90 000 Arbeitslosen im Spätsommer 2008 (nach fast fünf Jahren Hochkonjunktur!), massiv ansteigen. Nicht wenige Arbeitnehmende bangen nach Jahren steigenden Arbeitsstresses mit nur mässigen Lohnanpassungen jetzt um ihre Arbeitsstelle. Und diejenigen, welche ihre Arbeitsstelle nicht verlieren, sollen auf Lohnerhöhungen verzichten.

Wer übernimmt für dieses Schlamassel die Verantwortung? Bis jetzt haben die mitschuldigen Topmanager, die ihre exorbitanten Lohnsteigerungen der letzten Jahre3 mit ihrer «grossen Verantwortung» und «tollen Leistungen» begründet haben, nicht damit geglänzt, ihren Worten auch Taten folgen zu lassen. Der Gewerkschaft Syna sind keine substanziellen Rückzahlungen der überrissenen Bezüge der Topmanager bekannt. Wenn eine Nullrunde angezeigt ist, dann bei diesen gierigen CEOs und Verwaltungsräten.

Nicht überall ist Wirtschaftskrise

Die zugegebenermassen schwierige wirtschaftliche Situation muss differenziert betrachtet werden. Während weite Teile der Exportwirtschaft stark von Umsatz- und Auftragsrückgängen betroffen sind, gibt es Branchen und Firmen, welche sich respektabel durch die Krise schlagen. Das ganze Bauhaupt- und Baunebengewerbe erfreut sich einer guten bis sehr guten Umsatzsituation. Hier wird teilweise mehr gekrampft als im Vorjahr. Entsprechend erwarten die Arbeitnehmenden darum auch substanzielle Lohnanpassungen. Aber auch Branchen wie das Gesundheitswesen, die Elektrizitätswirtschaft oder der Stahl- und Metallbau sind kaum oder nur wenig von der Krise betroffen. Roche, Novartis und Syngenta aus dem Pharma- bzw. Agrochemiebereich verkünden starke Halbjahresergebnisse. Und mit Alstom, ABB oder Bombardier gibt es positive Beispiele aus der Maschinenindustrie. Zudem hat die OECD erste Signale einer konjunkturellen Erholung festgestellt.

Diese Beispiele zeigen, dass nicht alle Betriebe gleichermassen unter der Rezession leiden. 
Darum wird Syna, wie in anderen Jahren auch, differenziert nach Betrieb oder Branche die Lohnforderungen stellen. Forderungen von bis zu 2 Prozent sind realistisch und zumutbar. Syna setzt sich für generelle Lohnanpassungen ein, besonders der unteren und mittleren Einkommen. Eine Erhöhung der Mindestlöhne ist in vielen Branchen weiterhin angezeigt.

Lohnerhöhungen gerechtfertigt

Neben dem eingangs dargelegten Nachholbedarf bei den Löhnen sind vor allem die angekündigten massiven Prämiensteigerungen bei den Krankenkassen ein Grund, die Löhne anzuheben. Zudem werden sich die Sanierungen der auf breiter Front unterdeckten Pensionskassen bei vielen Arbeitnehmenden in höheren Beiträgen an die Altersvorsorge niederschlagen. Die Teuerung hingegen wird dieses Jahr voraussichtlich die Haushaltsbudgets kaum zusätzlich belasten.

Wenn im Herbst keine oder nur sehr geringe Lohnerhöhungen gewährt würden, dann wird dies mit Sicherheit einen negativen Einfluss auf die Konjunkturstütze Nr. 1, den Konsum der privaten Haushalte, haben. Lohnerhöhungen im unteren und mittleren Lohnsegment haben einen unmittelbar positiven Effekt auf den Konsum. Darum wird Syna besonders die Lohnanpassungen in diesem Bereich fordern. Die Lohnstrukturerhebung des Bundesamtes für Statistik zeigt erste positive Effekte des jahrelangen Kampfes von Syna für die deutliche Anhebung der Tiefst- und Frauenlöhne. Die prozentuale Steigerung ist in diesen Kategorien in vielen Branchen überdurchschnittlich – und muss weitergehen!

Keine bedingungslosen Nullrunden

Unter keinen Umständen sind für Syna bedingungslose Nullrunden akzeptabel. Basis der Lohnverhandlungen muss eine transparente Darlegung des Geschäftsganges der Branche bzw. der Firma sein. Nur auf der Grundlage von Fakten ist Syna in bestimmten Fällen bereit, über die Bedingungen für eine Nullrunde zu verhandeln. Wenn die belegten Geschäftszahlen tatsächlich ein schwarzes Bild der Situation zeigen, dann ist Syna, sofern das Einverständnis der betroffenen Mitarbeitenden vorliegt, bereit, anstelle einer Lohnerhöhung über die Arbeitsplatzsicherheit mit dem Arbeitgeber zu verhandeln. Denn der Verzicht auf eine Lohnerhöhung soll ja möglichst die gefährdeten Arbeitsstellen retten. Hier wird Syna entweder eine Arbeitsplatzgarantie fordern oder, wenn dies nicht möglich ist, auf einen vorsorglichen Sozialplan bestehen. Zudem verlangen wir nicht erst wieder in einem Jahr über die Löhne zu verhandeln, sondern anlässlich einer Zwischenlohnrunde im Frühling 2010 die Situation neu zu beurteilen.

Syna ist überzeugt, mit diesen realistischen Forderungen für die Lohnrunde 2010 branchen- und firmenspezifische Lösungen zu ermöglichen. Nicht ein undifferenziertes Gejammer über die Krise ist jetzt angesagt, sondern eine konstruktive und innovative Sozialpartnerschaft mit Lösungen, die sich an den legitimen Interessen der Arbeitnehmenden orientieren.


Arno Kerst, Vizepräsident und Leiter Sektoren & Branchen
Mobile 079 598 67 70

 

1 Alle Zahlen gemäss Bundesamt für Statistik BfS
2 Das BIP-Wachstum zwischen 2004 und 2008 von 13.9% ist zu einem Grossteil durch den Mehreinsatz der Arbeitnehmenden erkrampft worden.
3 Gemäss der Travail.Suisse-Managerlohnstudie stiegen die Löhne des Topkaders seit 2002 um unglaubliche 83%, der Lohnindex aller Arbeitnehmenden hingegen um nominal bloss 9.9% (nach Abzug der Teuerung noch 2.5%).

 

 


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