März 2009
Silvia Anliker beantwortete uns einige Fragen zu ihrem nicht ganz alltäglichen Werdegang.
Auch wenn es an der Zeit wäre, nicht mehr von typischen Frauen- resp. Männerberufen zu reden, wählen doch immer noch sehr wenige Frauen einen Beruf auf dem Bau. Was hat dich dazu bewogen, Strassenbauerin zu lernen?
Silvia Anliker: Ich kam eigentlich auf Umwegen zu diesem Beruf. Nach der Schulzeit habe ich erst eine Ausbildung zur kaufmännischen Angestellten absolviert. Dies war in einer Bauunternehmung. Nach der Lehre und einem weiteren Jahr im Büro (und ich hatte wirklich eine gute Zeit da!) hatte ich das Gefühl, dass ich dies eigentlich nicht die nächsten 45 Jahre machen möchte. Ich fand die Arbeit auf der Baustelle schon immer sehr spannend und nach einem Praktikum entschied ich mich, noch die Ausbildung zur Verkehrswegbauerin zu absolvieren. Ich war froh, dass ich in der selben Unternehmung die Gelegenheit bekam, dies zu tun (leuenberger bau ag, zell).
Ob es sich um einen sogenannten Männerberuf handelt, hat mich eigentlich nie gross interessiert. Mir gefällt mein Beruf, ich will draussen sein, mit Kopf und Händen arbeiten, am Abend das Resultat meiner Arbeit sehen und mit einem Team von Menschen etwas (er-) bauen. All dies (und noch viel mehr) habe ich als Strassenbauerin, bzw. Polierin in meinem Arbeitsalltag.
Wie gesagt erlernen schon wenige Frauen einen Bauberuf. Und noch weniger Frauen bilden sich bis zur Polierin weiter. Was gab dir den Ansporn, dich weiterzubilden? Wurdest du von deinem Arbeitgeber zur Weiterbildung ermuntert oder musstest du dafür kämpfen?
Silvia Anliker: Schon am Anfang der Ausbildung zur Strassenbauerin war mir klar, dass ich bald die Vorarbeiterschule (VOS) absolvieren möchte. Ich freute mich auf die Herausforderung, Verantwortung zu übernehmen, eigene Baustellen zu haben, selbständig zu organisieren und die Arbeiten zu leiten. Nach der VOS war die Polierschule der nächste logische Schritt. Neben all den fachlichen Aspekten haben mich auch Themen wie Mitarbeiterführung und Rapportwesen stets interessiert. Nebenbei ist auch der finanzielle Aspekt bei jeder Weiterbildung mit ein Grund. Ich konnte bei meinen Weiterbildungen jederzeit auf die Unterstützung meines Arbeitgebers zählen!
Was bringt dir das Polierin-Diplom für deine weitere berufliche Entwicklung?
Silvia Anliker: Die Polierausbildung öffnet mir unter anderem die Türen zur Bauführerschule in Sursee. Auch bei einem allfälligen Stellenwechsel ist jedes Diplom nützlich. Es gibt Baustellen, bei denen die Auftraggebenden verlangen, dass die für die Baustelle verantwortliche Person ein ausgebildeter Baupolier oder eben eine ausgebildete Baupolierin ist.
Wie hast du die Weiterbildung als einzige Frau erlebt und wie fühlst du dich als erste Strassenbau-Polierin in der Schweiz?
Silvia Anliker: Ich fand es überhaupt nicht problematisch, dass ich die einzige Frau war. Das war bereits in der Lehre nicht anders. Auch im Berufsalltag bin ich meist die einzige Frau. Ich fühlte mich von den Herren während der Ausbildung akzeptiert, das war kein Thema. Ich finde es schade, dass es immer noch so wenige Frauen in dieser Branche gibt! Aber jede und jeder sollte den Beruf ausüben, der ihr resp. ihm Spass macht!
Ich denke, ich fühle mich nicht anders, als wenn ich die 5. oder die 270. Frau wäre, die Polierin ist. Eigentlich ist es Zufall. Es hat anscheinend vor mir einfach noch keine Frau die eidgenössische Berufsprüfung abgelegt?!? Ich wusste das gar nicht!
Warum bist du Mitglied bei der Gewerkschaft Syna geworden?
Silvia Anliker: Das war in der Lehre. Mein damaliger Polier war bzw. ist immer noch Syna-Mitglied. Er hat mir dann erklärt, worum es da eigentlich geht.
Ich finde die Informationen im Syna-Magazin sehr interessant. Besonders Arbeitszeitregelung und Lohnverhandlungen sind auch auf der Baustelle stets ein Thema. Ich finde es gut, dass sich die Arbeitnehmenden organisieren, zusammenstehen und so auch für ihre Anliegen kämpfen können. Am wichtigsten ist es aber auch hier, ein gesundes Mass zwischen fordern und bieten zu finden, also nehmen und geben.
Was gefällt dir bei Syna? Warum empfiehlst du eine Mitgliedschaft bei Syna?
Silvia Anliker: Neben der sachlichen Informationsweise im Syna-Magazin und auf der Website schätze ich das breit gefächerte Dienstleistungsangebot wie z.B. die Unterstützung bei der Aus- und Weiterbildung, bei Betriebsschliessungen, bei Rechtsstreitigkeiten, etc. Bei Syna kommt man auch mit Menschen aus anderen Branchen zusammen und kann sich gegenseitig über die jeweiligen Probleme am Arbeitsplatz austauschen und zusammen Lösungsansätze diskutieren. So erkennt man, wo gemeinsame Probleme auftauchen und erfährt, was Solidarität unter Arbeitnehmenden bewirken kann.
Am 8. März fand wie schon seit zig Jahren der Internationale Frauentag statt. Was hältst du, als erste Polierin in der Schweiz, von diesem Tag? Braucht es ihn noch?
Silvia Anliker: Ich habe etwas Mühe mit solchen Tagen. Wie ich auch jede Frauenquote in Kommissionen, Parteien, etc. problematisch finde. Ich freue mich über jede Frau, die in ein politisches Amt oder in einen Verwaltungsrat gewählt wird. Aber bitte aufgrund ihrer Fähigkeiten und nicht, um irgendwelche Quoten zu erreichen.
Es gibt aber leider immer noch viele Länder, wo Frauen sehr unterdrückt werden. Dies ist absolut tragisch und muss sicher mit allen Mitteln bekämpft werden! Von da her hat der internationale Frauentag sicher seine Berechtigung, auch - oder besonders - in der heutigen Zeit!
Interview: Prisca D.R. Widmer, Leiterin Kommunikation