September 2008
Syna konnte bereits einige Erfolge erzielen. Auf Druck von Syna wurden die Einzelarbeitsverträge u.a. in Sachen Arbeitseinsatz und Datenschutz dem geltenden Recht angepasst. Es gilt aber noch manch weitere Verbesserungen bei Aldi anzugehen, wie das nachfolgende Interview mit Syna-Mitglied Ilda Muster*, eine ehemalige Angestellte von Aldi, deutlich macht.
Wie lange haben Sie bei Aldi gearbeitet?
Ilda Muster: Ich habe neun Monate bei Aldi Suisse AG gearbeitet. Mit der Kündigung erhielt ich eine sofortige Freistellung.
Wie geht es Ihnen persönlich und beruflich?
Ilda Muster: Ich hab wieder einen neuen Job gefunden. Da spüre ich jetzt schon einen grossen Unterschied zum Aldi bezüglich Arbeitsklima und wie man als Mitarbeiterin behandelt wird. Hier bemüht man sich um faire Lösungen. Nach der Kündigung bei Aldi war ich etwas geknickt, aber seit ich bei dem neuen Arbeitgeber arbeite, geht es mir wieder gut.
Wie sind Sie dazu gekommen, eine Stelle bei Aldi anzunehmen?
Ilda Muster: Als ich von Deutschland in die Schweiz zog, war Aldi bei mir in der Nähe, vom Arbeitsweg her also ideal. Als Arbeitgeber kannte ich ihn vorher nicht.
Was ist Ihnen als erstes beim Aldi aufgefallen (positiv/negativ)?
Ilda Muster: Bei der Einstellung erhielt ich mit dem Arbeitsvertrag eine Broschüre mit dem Titel «Führungs- und Organisationsgrundsätze von ALDI SUISSE AG». Ein toller Arbeitgeber, dachte ich nach deren Lektüre.
Dann gabs aber von Anfang an Stress und Druck auf alle. Auch war kein Interesse da an mir als Person, es zählte nur die Arbeit. Weiter bemerkte ich, dass der mazedonische Stv-Filialleiter, der die Einsatzpläne machte, seine Landsleute massiv bevorzugte. Wir Deutschen und auch SchweizerInnen wurden mehrheitlich nur an die Kasse gesetzt und durften praktisch nie eine andere Aufgabe übernehmen. Auch konnten die mazedonischen MitarbeiterInnen gemeinsam Pause machen. Wir hingegen mussten meist alleine gehen, wenn wir überhaupt Pausen machen konnten. Die wohlklingenden «Führungs- und Organisationsgrundsätze von ALDI SUISSE AG» sind in keinster Weise von Vorgesetzten eingehalten oder durchgesetzt worden.
Wie war das Klima in Ihrer Filiale?
Ilda Muster: Schlecht. Mit der Aufgabenverteilung gingen Grüppchenbildungen einher, die sich untereinander bekämpften. Vorgesetzte duldeten oder unterstützten diese Grüppchenbildung sogar. Oder waren unfähig, diese zu unterbinden.
Hatten Sie das Gefühl, dass Sie überwacht wurden (Video, Chef, MitarbeiterInnen)?
Ilda Muster: Ich erinnere mich an einen Fall, bei dem wir mit grosser Wahrscheinlichkeit überwacht wurden. Am 31. Dezember 2007 sollte eine Stichtagsinventur gemacht werden - selbstverständlich nach Feierabend und alle Ferien wurden gestrichen. Ich erklärte meiner Arbeitskollegin im Pausenraum, dass man Stichtagsinventuren auch verlegen kann und sie nicht just am 31.12. gemacht werden müssen. Wir wollten doch alle nach Hause. An einer weiteren Information bläute uns dann ein Vorgesetzter ein, dass eine Stichtagsinventur keinesfalls auf einen andern Tag verlegt werden kann - wie wenn er besagtes Gespräch zwischen mir und meiner Kollegin mitgehört hätte. Wir beide waren aber ganz bestimmt alleine im Pausenraum. Und ich bin mir auch hundert prozentig sicher, dass meine Kollegin nichts gesagt hat. Das Ganze ist mir schon merkwürdig vorgekommen und roch verdächtig nach Ueberwachung.
Was waren für Sie die grössten Missstände bei Aldi?
Ilda Muster: Am schlimmsten fand ich,
- dass wir nur zu 50% angestellt wurden.
- dass wir Ende Monat nicht wussten, wie viel wir verdienen, da die Überstunden nie klar waren.
- dass wir an der Kasse nichts trinken durften, auch wenn wir fast vier Stunden ohne Pause arbeiten mussten. Auch im Hochsommer war das Trinken bei der Kassenarbeit zu keiner Zeit erlaubt.
- dass teilweise ganze Paletten Obst weggeschmissen wurden.
- ganz generell die Art und Weise, wie Aldi mit seinen Angestellten umgeht.
Wie viele Angestellte hat es durchschnittlich in einem Laden?
Ilda Muster: Anfänglich waren wir bis zu 24 MitarbeiterInnen. Dann wurde massiv reduziert bis hin auf die Hälfte. Ich vermute, weil der Umsatz zu gering ist.
Gab es viele interne Regelungen (z.B. nicht mit Gewerkschaften reden)?
Ilda Muster: Beim Einstellungsgespräch wurde uns gesagt, dass wir keine Interviews an die Oeffentlichkeit oder an die Medien tragen dürfen. Wenn Anfragen kämen, hätten wir diese, egal welcher Art, der Zentrale zu melden.
Herzlichen Dank, dass Sie sich für dieses Interview zur Verfügung gestellt haben. Es soll vielen anderen Betroffenen Mut machen, uns von ihren Erfahrungen zu berichten.
Interview: Andrea Jerger, Projektmitarbeiterin Detailhandel
* Name geändert
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